Eine Informationsstele und drei Fototafeln stehen in einem stillen Wiesenpark am Südostrand Berlins und markieren die Stelle, an der CIA und MI6 einen 450 Meter langen Tunnel unter die Sektorengrenze trieben, um die Telefonkabel der sowjetischen Armee anzuzapfen. Es ist einer der wenigen Orte am Berliner Mauerweg, dessen Geschichte vollständig vor der Mauer liegt.
Der Gedenkort liegt im Landschaftspark Rudow-Altglienicke, zwischen Mozartring und Dankmarsteig, auf der Linie, der die Grenze einst folgte. Vom Tunnel selbst ist nichts zu sehen. Was der Ort stattdessen bietet, ist die Geografie, und genau die kann kein Museum liefern: Wer hier steht, ist wenige Meter von dem Punkt entfernt, an dem eine gemeinsame amerikanisch-britische Geheimdienstoperation West-Berlin verließ und unter den sowjetischen Sektor führte, und an dem fünf Jahre später die Berliner Mauer direkt darüber gebaut wurde.
Informationsstele am Gedenkort des Spionagetunnels am Berliner Mauerweg in Rudow (Foto: OTFW, Berlin)
Zwischen 1954 und 1956 errichteten die Amerikaner auf dieser Seite der Grenze ein Lagerhaus, getarnt durch eine Radarstation der US-Luftwaffe auf demselben Gelände. Das Lagerhaus hatte einen tiefen Keller, und der erfüllte zwei Zwecke: Er verbarg den Kopf eines senkrechten Schachts, und er löste das Problem, wohin mit dreitausend Tonnen Aushub vor den Augen der DDR-Grenzposten. Vom Grund dieses Schachts führte ein Tunnel im rechten Winkel zur Straße nach Osten, am Rand des Altglienicker Dorffriedhofs vorbei, zu einer Anzapfkammer unter der Schönefelder Chaussee. Rund 120 Meter davon lagen unter West-Berlin und etwa 330 Meter unter dem Osten.
Die Amerikaner nannten die Operation Gold, die Briten Stopwatch. Elf Monate und elf Tage lang zeichnete sie den Telefon- und Fernschreibverkehr des sowjetischen Oberkommandos in Karlshorst auf. Verraten war sie schon vor dem ersten Spatenstich, durch George Blake, einen für den KGB arbeitenden MI6-Offizier, und die Sowjets ließen sie laufen, statt ihn zu opfern.
Die freigelegte Anzapfstelle an den sowjetischen Telefonkabeln unter der Schönefelder Chaussee, April 1956 (Foto: Bundesarchiv)
Gefunden wurde der Tunnel am 22. April 1956, nachdem schwerer Regen die Kabelkanäle geflutet hatte und sowjetische Reparaturtrupps, die sich nach Norden vorarbeiteten, direkt auf die Anzapfkammer stießen. Die Sowjets protestierten und öffneten den Tunnel dann als Propagandaschau für Besucher, und Ost-Berliner standen an, um hindurchzugehen. Die ganze Geschichte, samt dem, was die eigene freigegebene CIA-Darstellung dazu sagt, ob die Entdeckung wirklich ein Zufall war, steht in unserem Beitrag über den Berliner Spionagetunnel und die Operation Gold.
Vom Tunnel ist hier nichts geblieben. Den östlichen Abschnitt entfernten die Sowjets im Herbst 1956, und der westliche Teil überstand den gesamten Kalten Krieg, nur um 1995 ausgehoben und entsorgt zu werden. Auf dem Gelände des Lagerhauses stehen heute Einfamilienhäuser, und die Autobahn A113 schneidet die Trasse. Der Park selbst entstand als Ausgleichsmaßnahme für eben diese Autobahn, weshalb aus einem Stück Todesstreifen heute Wiese, Gebüsch und Weideland geworden ist.
Das erhaltene sieben Meter lange Teilstück des Spionagetunnels im AlliiertenMuseum in Berlin-Dahlem (Foto: Anagoria)
Wer den Tunnel selbst sehen will und nicht nur den Ort, an dem er verlief, geht ins AlliiertenMuseum in Berlin-Dahlem. Es besitzt die weltweit einzigen Originalsegmente, und etwa sieben Meter davon kann man begehen. Der Eintritt dort ist frei.
Der Gedenkort liegt weit vom Zentrum entfernt und lohnt sich am ehesten zusammen mit seinen Nachbarn am selben Weg. Die Hinterlandmauer Rudow, ein denkmalgeschütztes 450-Meter-Stück der inneren Mauer, und der ehemalige Grenzübergang Waltersdorfer Chaussee liegen beide gut einen Kilometer entfernt, und zu dritt ergeben sie einen kurzen Spaziergang durch einen Winkel der Grenze, den fast kein Besucher erreicht.
Anfahrt: Bus 164 bis Dankmarsteig, etwa 350 Meter von der Stele entfernt, oder U-Bahn U7 bis Rudow und von dort zu Fuß oder mit dem Bus weiter. Der Ort ist unter freiem Himmel, kostenlos und zu jeder Stunde zugänglich.
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