Die Berliner Mauer war das sichtbare Gesicht der DDR-Diktatur. Das unsichtbare saß in einem weitläufigen Bürokomplex in Lichtenberg, von dem aus das Ministerium für Staatssicherheit – die Stasi – ein ganzes Land überwachte. Als die Mauer 1989 fiel, hatte die Stasi rund 91.000 hauptamtliche Mitarbeiter und ein Netz von mindestens 170.000 inoffiziellen Mitarbeitern: gemessen an der Bevölkerung der größte Geheimpolizeiapparat der Geschichte. Dies ist die Geschichte, wie er funktionierte, wie er endete – und wo man ihm in Berlin heute begegnen kann, in den Büros und Gefängniszellen, die er hinterlassen hat.
Das Ministerium für Staatssicherheit (MfS – kurz „Stasi“) wurde am 8. Februar 1950 gegründet, nur vier Monate nach der DDR selbst. Nach dem Vorbild des sowjetischen Geheimdienstes aufgebaut, war es weder dem Parlament noch den Gerichten verantwortlich, sondern allein der SED – und genau so verstand es sich selbst: als „Schild und Schwert der Partei“. Es war Geheimpolizei, Auslandsnachrichtendienst und Ermittlungsbehörde in einem, mit eigenen Untersuchungsgefängnissen, einer eigenen Hochschule und sogar einem eigenen Fußballklub.
Dieser Klub war keine Fußnote. Mielke selbst war Erster Vorsitzender der Sportvereinigung Dynamo, der Sportorganisation der bewaffneten Organe, und ihr Berliner Fußballklub BFC Dynamo war sein Lieblingsprojekt. Mit der Protektion des Ministeriums kamen gefällige Schiedsrichterleistungen und der erste Zugriff auf die Talente des Landes: Von 1979 bis 1988 wurde der BFC Dynamo zehnmal in Folge DDR-Meister. Die Fans aller anderen Klubs kannten ihn nur als „Schiebermeister“ – und den BFC auszupfeifen war eine der wenigen Formen von Widerspruch, die sich ein normaler DDR-Bürger leisten konnte.


Seine eigentliche Aufgabe war nicht die Verfolgung von Kriminellen, sondern das Aufspüren von Widerspruch, bevor daraus Widerstand werden konnte – und dafür wollte die Stasi alles über jeden wissen. Die DDR-Bürger spotteten darüber nur leise, in der Küche und nie am Telefon: „VEB Horch und Guck“.
Die Dimensionen erstaunen bis heute. Auf dem Höhepunkt kam auf etwa 180 DDR-Bürger ein hauptamtlicher Stasi-Mitarbeiter – eine Überwachungsdichte, die weit über Gestapo oder KGB hinausging. Rechnet man die inoffiziellen Mitarbeiter hinzu, arbeitete in den 1970er und 80er Jahren etwa jeder 63. DDR-Bürger in irgendeiner Form für die Stasi. Sie legte Akten über rund sechs Millionen Menschen an – in einem Land mit knapp siebzehn Millionen Einwohnern.
Von 1957 bis in die letzten Wochen des Regimes 1989 führte ein einziger Mann das Ministerium: Erich Mielke, ein kommunistischer Straßenkämpfer der Weimarer Jahre, der 1931 nach den tödlichen Schüssen auf zwei Berliner Polizisten nach Moskau geflohen war. Diese Morde holten ihn am Ende des Jahrhunderts ein: 1993 verurteilte das wiedervereinigte Deutschland den 85-Jährigen dafür – das einzige Verbrechen, für das der meistgefürchtete Mann der DDR je ins Gefängnis musste. Das Urteil lautete sechs Jahre Haft; mit der Untersuchungshaft saß er etwa fünf Jahre ab und kam 1995 aus Alters- und Gesundheitsgründen frei – die größeren Verfahren um die Toten an der Mauer wurden eingestellt, weil er als verhandlungsunfähig galt. Mielke starb am 21. Mai 2000 mit 92 Jahren in einem Berliner Pflegeheim.

Unter Mielke wuchs die Zentrale in der Normannenstraße in Lichtenberg zu einer abgeriegelten Stadt in der Stadt: Dutzende Gebäude mit Tausenden Mitarbeitern, dazu Kantinen, Läden und Archive, verborgen hinter einer unauffälligen Straßenfront. In ihrem Zentrum stand Haus 1, in dem Mielke arbeitete – und in dem sein Büro, sein Konferenzraum und seine Privaträume bis heute exakt so erhalten sind, wie er sie verließ: das Herzstück des Stasimuseums.

Die hauptamtlichen Offiziere waren nur das Skelett des Systems. Sein Fleisch und Blut waren die Inoffiziellen Mitarbeiter (IM) – ganz normale DDR-Bürger, die über die Menschen in ihrer Umgebung berichteten. Am Ende waren es mindestens 170.000: Nachbarn berichteten über Nachbarn, Kollegen über Kollegen, Pfarrer über ihre Gemeinden, Studenten über ihre Professoren – und in den schmerzhaftesten Fällen, die später ans Licht kamen, Ehepartner übereinander.
Manche spitzelten aus Überzeugung, manche für kleine Privilegien oder die Karriere, viele unter Druck oder nach Erpressung. Ihre Berichte fütterten einen Apparat, der Briefe massenhaft über Wasserdampf öffnete, Telefone abhörte, Kameras durch Wohnungswände bohrte und tote Briefkästen aus Lieferwagen mit versteckten Objektiven filmte.
Das berüchtigtste Detail ist zugleich das seltsamste: die Geruchskonserven. Verdächtige mussten bei Verhören auf gelben Tüchern sitzen, oder ihre Wäsche wurde heimlich entwendet; die Tücher kamen in Einweckgläser, damit Spürhunde später eine Person einem anonymen Flugblatt oder einem Treffpunkt zuordnen konnten. Reihen dieser Gläser sind heute im Stasimuseum zu sehen.

Die Mauer selbst bewachten die Grenztruppen – aber das System, das entschied, wer sie passieren durfte und was mit denen geschah, die es ohne Erlaubnis versuchten, gehörte der Stasi. Jeder Antrag auf eine Westreise lief durch die Überprüfung des MfS. Und an den Grenzübergängen waren die unnahbaren Beamten der Passkontrolle – auch im berühmten Tränenpalast, der Ausreisehalle am Bahnhof Friedrichstraße – gar keine Grenzsoldaten, sondern Stasi-Offiziere der Passkontrolleinheiten in Grenztruppen-Uniform.
Die Grenzarbeit der Stasi reichte weit über die Kontrollhäuschen hinaus. Ihre Diensteinheiten spürten Fluchtpläne auf, bevor sie ausgeführt werden konnten, unterwanderten die West-Berliner Netzwerke der Fluchthelfer und Tunnelbauer und verfolgten „Republikflucht“ als schweres Verbrechen. Ein gescheiterter Fluchtversuch bedeutete in der Regel Verhaftung durch die Stasi, Verhöre im Untersuchungsgefängnis und eine Haftstrafe. Selbst geglückte Fluchten beendeten die Beobachtung nicht: Das Ministerium überwachte und drangsalierte Geflüchtete und ihre Familien noch jahrelang – weshalb Conrad Schumann, der Grenzpolizist, dessen Sprung über den Stacheldraht weltberühmt wurde, den langen Arm der Stasi noch Jahrzehnte später in seinem bayerischen Dorf fürchtete.
Im Ausland führte die Hauptverwaltung Aufklärung (HVA) unter Markus Wolf Agenten in der gesamten Bundesrepublik – einer von ihnen, Günter Guillaume, arbeitete so dicht an Bundeskanzler Willy Brandt, dass die Affäre 1974 Brandts Rücktritt erzwang. Wenn Ost und West gefangene Agenten austauschten, verhandelte der Ost-Berliner Anwalt Wolfgang Vogel die Abkommen Hand in Hand mit dem MfS – vollzogen wurden sie auf der Glienicker Brücke.
In den 1970er Jahren änderte die Stasi ihre Methoden. Die DDR war international anerkannt und hatte die Helsinki-Schlussakte unterschrieben; Massenverhaftungen von Oppositionellen waren diplomatisch peinlich geworden. 1976 schrieb das Ministerium deshalb in seiner Richtlinie 1/76 eine subtilere Waffe fest: die Zersetzung.
Statt ein Opfer zu verhaften, demontierte die Stasi sein Leben im Stillen. Gerüchte wurden im Freundes- und Kollegenkreis gestreut. Karrieren endeten ohne erkennbaren Grund. Ehen wurden mit gefälschten Briefen zerstört, die Affären andeuteten. Post kam geöffnet an – oder gar nicht. In den verstörendsten Fällen drangen Mitarbeiter in Wohnungen ein, während die Bewohner fort waren, und veränderten einfach Dinge: Möbel verrückt, Bilder umgehängt, der Wecker verstellt – bis die Opfer an ihrem eigenen Verstand zweifelten. Viele erfuhren erst Jahrzehnte später aus ihren Akten, warum ihr Leben aus den Fugen geraten war; ehemalige Betroffene leben bis heute mit den psychischen Folgen.

Wen die Stasi verhaftete, der verschwand an einen Ort, den es offiziell nicht gab. Die zentrale Untersuchungshaftanstalt in Berlin-Hohenschönhausen lag in einem abgeriegelten Sperrgebiet, das auf Ost-Berliner Stadtplänen ein weißer Fleck blieb. Häftlinge kamen in fensterlosen Transportern an, getarnt als Bäckerei- oder Wäschereifahrzeuge, die stundenlang im Kreis fuhren – viele glaubten, Berlin längst verlassen zu haben.
Das Gelände begann nach 1945 als sowjetisches Lager und NKWD-Gefängnis, samt dem berüchtigten „U-Boot“ – einem Keller feuchter, fensterloser Zellen, in denen Häftlinge der frühen Jahre mit Kälte, Wasser und Dunkelheit gebrochen wurden. 1951 übernahm die Stasi das Gefängnis und ersetzte körperliche Gewalt nach und nach durch psychologische Methoden: totale Isolation, Schlafentzug, Desorientierung und Verhöre, die den Gefangenen einreden sollten, ihr Fall sei aussichtslos und ihre Freunde hätten sie verraten. Mehr als 11.000 Menschen durchliefen die Zellen – unter ihnen viele, die beim Versuch gescheitert waren, über die Mauer zu kommen.
Im Herbst 1989, als die Proteste anschwollen und die Mauer fiel, brach die Welt der Stasi mit atemberaubender Geschwindigkeit zusammen. Am 13. November 1989, vier Tage nach der Maueröffnung, stand der 81-jährige Mielke vor der Volkskammer und stammelte den Satz, den ihm die DDR nie vergessen würde: „Ich liebe euch doch alle.“ Das Parlament lachte den meistgefürchteten Mann des Landes aus.
Im Ministerium liefen da längst die Reißwölfe. Während Offiziere die belastendsten Akten vernichteten, bemerkten Bürger den Rauch und die Lastwagen – und handelten. Am 4. Dezember 1989 besetzten Demonstranten die Stasi-Bezirksverwaltung in Erfurt, Bürgerkomitees übernahmen eine Dienststelle nach der anderen, um die Vernichtung zu stoppen. Am 15. Januar 1990 strömten Zehntausende vor die Zentrale in der Normannenstraße und stürmten sie. Im Frühjahr 1990 war das Ministerium, das die DDR vierzig Jahre lang überwacht hatte, aufgelöst.

Was die Bürgerkomitees retteten, ist eines der außergewöhnlichsten Archive der Welt: rund 111 Regalkilometer Akten, dazu Millionen Karteikarten, Fotos und Tonbänder – und mehr als 15.000 Säcke zerrissenen Papiers aus den Vernichtungsräumen, das Archivare seither Stück für Stück wieder zusammensetzen.
Seit Januar 1992 hat jeder Bürger das Recht, die eigene Stasi-Akte zu lesen – Millionen haben es getan. Für viele war es eine zweite Abrechnung mit der Diktatur: Aus den Akten erfuhren sie, welcher Freund, Kollege oder Verwandte der IM in ihrem Leben gewesen war. Das Stasi-Unterlagen-Archiv – seit 2021 Teil des Bundesarchivs – sitzt bis heute auf dem alten Ministeriumsgelände an der Normannenstraße, das sich inzwischen „Campus für Demokratie“ nennt. Der Oscar-prämierte Film Das Leben der Anderen (2006) endet mit genau dieser Szene: Ein ehemals Überwachter sitzt im Lesesaal und erfährt, was die Stasi wusste.

Zwei Orte in Berlin machen diese Geschichte begehbar, und sie ergänzen sich perfekt: der Schreibtisch, an dem die Überwachung befohlen wurde, und die Zellen, in denen sie endete.
Das Stasimuseum residiert in Haus 1 der ehemaligen Zentrale, Ruschestraße 103 in Lichtenberg. Man steht in Mielkes erhaltenem Büro, sieht die Überwachungstechnik – versteckte Kameras in Gießkannen und Baumstümpfen, die Geruchskonserven – und verfolgt, wie das Ministerium jeden Winkel des DDR-Alltags durchdrang. Das Museum ist täglich geöffnet; mit der U5 bis Magdalenenstraße, etwa zehn Minuten vom Alexanderplatz, eineinhalb bis zwei Stunden einplanen.
Die Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen bewahrt das zentrale Untersuchungsgefängnis der Stasi in der Genslerstraße 66. Der Zugang ist nur mit Führung möglich – und genau die sind das Eigentliche: Viele werden von ehemaligen Häftlingen geleitet, die durch die U-Boot-Zellen und Verhörräume und durch ihre eigene Geschichte führen. Mit der Tram M5 bis Freienwalder Straße oder dem Bus 256 bis Genslerstraße; mindestens zwei Stunden einplanen.
Beide Orte liegen in Lichtenberg und lassen sich zu einem einzigen, eindringlichen Tag verbinden. Wer das Bild vervollständigen will, macht im Zentrum Halt am Tränenpalast am Bahnhof Friedrichstraße, wo die Passkontrolleure der Stasi die Reisenden abfertigten – die kostenlose Ausstellung zeigt das Grenzregime von der anderen Seite des Schalters.
Stasi ist die Kurzform von Staatssicherheit – der Alltagsname für das Ministerium für Staatssicherheit (MfS), die Geheimpolizei und den Nachrichtendienst der DDR von 1950 bis 1990.
Am Ende rund 91.000 hauptamtliche Mitarbeiter plus mindestens 170.000 inoffizielle Mitarbeiter – in einem Land mit knapp siebzehn Millionen Einwohnern. Mit den IM gerechnet arbeitete etwa jeder 63. DDR-Bürger für die Stasi, eine höhere Überwachungsdichte als bei Gestapo oder KGB.
Ja. Das Stasimuseum in der ehemaligen Zentrale (mit Mielkes erhaltenem Büro) ist täglich geöffnet, und das ehemalige Untersuchungsgefängnis Hohenschönhausen kann mit Führungen besichtigt werden, viele davon geleitet von ehemaligen Häftlingen. Beide liegen in Lichtenberg, gut erreichbar mit U5 und Tram.
Ja. Seit Januar 1992 kann jeder Einsicht in die eigene Akte beantragen, Millionen haben es getan. Die Unterlagen verwaltet das Stasi-Unterlagen-Archiv, seit 2021 Teil des Bundesarchivs, auf dem ehemaligen Ministeriumsgelände in Berlin-Lichtenberg.
Das Leben der Anderen (2006), ausgezeichnet mit dem Oscar als bester fremdsprachiger Film, begleitet einen Stasi-Offizier beim Abhören eines Ost-Berliner Dramatikers. Die verwanzte Wohnung, die unter Druck gesetzten Informanten, der Lesesaal der Stasi-Unterlagen: kein Film führt besser in dieses Kapitel deutscher Geschichte ein.
In Mielkes Büro stehen, durch die Gefängnisflure gehen – und jeden anderen Ort der geteilten Stadt finden: auf unserer interaktiven Karte der Berliner Mauer oder im Kontext der Zeitleiste zur Geschichte der Berliner Mauer.