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Conrad Schumann: Der Sprung in die Freiheit

8 Juni , 2026  

Drei Tage nachdem die DDR die Grenze abgeriegelt hatte, bewachte ein 19-jähriger Grenzpolizist namens Conrad Schumann einen niedrigen Stacheldrahtverhau an der Ecke Ruppiner Straße und Bernauer Straße. Jenseits des Drahtes, im Westen, beobachtete ihn eine Menschenmenge. Am Nachmittag des 15. August 1961, gegen vier Uhr, nahm er kurzen Anlauf, warf seine Zigarette weg und sprang – über den Draht, aus dem Osten hinaus und hinein in eines der berühmtesten Fotos des 20. Jahrhunderts.

Wer war Conrad Schumann?

Hans Conrad Schumann wurde am 28. März 1942 in Zschochau geboren, einem Dorf im ländlichen Sachsen unweit von Leipzig. Bevor er zur ostdeutschen Polizei ging, lernte er den Beruf des Schäfers; seine Unteroffiziersausbildung absolvierte er in Dresden. Im Sommer 1961 war er ein 19-jähriger Unteroffizier der Bereitschaftspolizei – der kasernierten Polizeitruppe der DDR – und nach Berlin abkommandiert.

Als die Grenze am 13. August 1961 abgeriegelt wurde, existierte die Mauer noch nicht als die Betonbarriere, die den meisten heute vor Augen steht. In jenen ersten Tagen bestand sie vor allem aus Stacheldrahtrollen, die hastig entlang der Sektorengrenze gespannt und von jungen Soldaten wie Schumann bewacht wurden. Man schickte ihn an die Ecke der Bernauer Straße – eine Straße, die zu einer der tragischsten Adressen der geteilten Stadt werden sollte: Die Häuser standen im Osten, doch ihr Gehweg lag im Westen.

Der Sprung: 15. August 1961

Am Nachmittag des 15. August bewachte Schumann den niedrigen Stacheldrahtverhau an der Ecke Ruppiner Straße. Das Foto lässt den Sprung wie einen plötzlichen Entschluss erscheinen, doch in Wahrheit war er eher ein still verabredeter Plan. Seit dem 13. August versammelten sich West-Berliner entlang der neuen Grenze, um den Bau der Sperre zu beobachten und Verwandten auf der anderen Seite zuzurufen, und die West-Berliner Polizei patrouillierte auf ihrer Seite der Linie. Während er kettenrauchend an seinem Posten auf und ab ging, begann Schumann, den Menschen gegenüber unauffällig seine Absichten zu signalisieren. Er trat den Draht mit dem Stiefel ein wenig nieder und ließ die ihm nächsten West-Berliner mit gedämpfter Stimme – damit seine Kameraden es nicht hörten – wissen, dass er zu springen gedachte.

Die Westseite reagierte, ohne ihn zu verraten. Die Nachricht erreichte die West-Berliner Polizei, die einen Mannschaftswagen bis auf wenige Meter an den Draht heranfahren ließ und dessen hintere Tür offen stehen ließ. Ein junger Pressefotograf, Peter Leibing, war von der Polizei vorgewarnt worden, dass ein Grenzer fliehen könnte, und wartete mit bereiter Kamera an der Ecke. Um die anderen DDR-Grenzer abzulenken, richteten Schaulustige und Fotografen ihre Objektive und ihre Aufmerksamkeit betont auf Schumanns Kameraden weiter unten an der Linie und lenkten so die wachsamen Blicke von ihm fort.

Darin liegt die Antwort auf die naheliegende Frage – warum ihn auf der östlichen Seite niemand aufhielt. Schumanns Absicht wurde nie offen gezeigt; sie wurde leise an den Westen weitergegeben, während die Männer neben ihm gezielt abgelenkt waren und in die andere Richtung blickten. Gegen vier Uhr, in dem Moment, als seine Kameraden ihm den Rücken zukehrten, handelte er: Er lief los, warf seine Zigarette weg, sprang über den Stacheldraht und ließ seine Maschinenpistole vom Typ PPSch beim Sprung von der Schulter gleiten. Er landete im Westen, eilte zur offenen Tür des Wagens und wurde in hohem Tempo davongefahren. Als die anderen Grenzer sich umdrehten, war er bereits verschwunden.

Filmaufnahmen von Conrad Schumanns Flucht über den Stacheldraht an der Bernauer Straße, 15. August 1961
Filmaufnahmen von Conrad Schumanns Flucht, 15. August 1961: am Stacheldraht an der Ecke Bernauer Straße und Ruppiner Straße, der Lauf hinüber in den Westen und im wartenden West-Berliner Polizeiwagen. Gemeinfreies Filmmaterial, veröffentlicht von der CIA.
Der Originalfilm von Conrad Schumanns Sprung aus dem Jahr 1961, auf 16-mm-Film aufgenommen vom Kameramann Dieter Hoffmann – derselbe Augenblick, den Peter Leibings berühmtes Foto festhielt.

Das Foto, das den Kalten Krieg prägte

Der Fotograf, der an der Ecke wartete, war Peter Leibing, ein 19-jähriger Volontär der Hamburger Agentur Contipress. Leibing hatte sich als Pferderennfotograf ausbilden lassen, und er sagte später, er habe Schumanns Sprung ähnlich erwartet wie ein Pferd, das ein Hindernis nimmt – die Kamera fest auf die Stelle gerichtet, bereit, im Augenblick des Absprungs auszulösen. Als Schumann sprang, drückte Leibing genau im richtigen Moment ab: den Soldaten in der Luft schwebend, die Knie angewinkelt, das Gewehr nach hinten geschleudert, darunter den Draht.

Das Bild erschien in Zeitungen rund um die Welt und erhielt bald einen Titel, der alles einfing, wofür es stand: „Sprung in die Freiheit“. Ein westdeutscher Kameramann hielt den Augenblick auch auf Film fest, doch es ist Leibings einzelne Aufnahme, die geblieben ist. Sie wurde zum Sinnbild des ganzen menschlichen Dramas der Mauer: ein gewöhnlicher junger Mann in Uniform, der sich im Bruchteil einer Sekunde für die eine Seite und gegen die andere entscheidet. Das Foto befindet sich heute in Sammlungen weltweit und ist, mehr als sechzig Jahre später, das prägende Bild der Flucht aus der DDR geblieben.

Warum das Bild so bedeutsam wurde

Schumanns Sprung kam im perfekten – und schmerzlichsten – Augenblick. Der Stacheldraht war erst zwei Tage alt. Die Welt hatte noch nicht begriffen, was die DDR getan hatte, und hier, in einem einzigen Foto festgehalten, lag dessen Bedeutung: Der Staat war nun so entschlossen, seine Menschen einzusperren, dass er eine ganze Stadt abriegelte – und selbst seine eigenen Soldaten wollten hinaus.

Für West-Berlin und seine Verbündeten war es ein Propagandageschenk, ein Beweis, dass die Menschen vor dem Kommunismus flohen und nicht zu ihm hin. Für die DDR war es eine Blamage, die ihre Entschlossenheit nur verhärtete. In den folgenden Wochen und Monaten wurde der improvisierte Draht durch Betonblöcke ersetzt, dann durch die hohe, bewachte Sperranlage, die die Welt kennenlernen sollte. Die Flucht eines einzigen Grenzers trug dazu bei, die westliche Öffentlichkeit zu überzeugen, dass die neue Grenze keine Sicherheitsmaßnahme war, sondern eine Gefängnismauer – ein Urteil, dem sich die Geschichte angeschlossen hat.

Das Leben im Westen

Während sein Foto um die Welt ging, wurde Schumann selbst sorgfältig von der Öffentlichkeit ferngehalten. Im Westen wurde er ausführlich vernommen – nach seinen eigenen späteren Worten presste man ihn „wie eine Zitrone aus“ – und dann unauffällig fernab von Berlin im ländlichen Bayern angesiedelt. Er hatte keinen Wunsch, eine öffentliche Figur zu sein, und blieb für den Rest seines Lebens weitgehend dem Rampenlicht fern, das sein Foto nie verließ.

In Bayern baute er sich ein gewöhnliches Arbeitsleben auf. Er arbeitete eine Zeit lang als Pfleger und in einem Weingut, bevor er über viele Jahre als Maschineneinrichter im Audi-Werk in Ingolstadt tätig war, wo er bis zum Ende seines Lebens blieb. Er heiratete eine Frau aus der Gegend, bekam einen Sohn und richtete sich in einem Dorf in Oberbayern ein. Bayern, sagte er später, sei der einzige Ort gewesen, der sich je wirklich wie Heimat angefühlt habe.

Angst, Familie und der Schatten der Stasi

So sesshaft er auch war, innere Ruhe fand Schumann nie. Mit dem Sprung hatte er seinen Posten verlassen und seine Familie und seine Heimat in Sachsen zurückgelassen, und in den Augen des Ostens war er nun ein Fahnenflüchtiger und Republikflüchtling – Vergehen, auf die hohe Haftstrafen standen. Sein Leben lang fürchtete er den langen Arm des DDR-Staates. Auch im Westen waren Geflüchtete nicht immer sicher, denn die Stasi spürte bekanntlich Fahnenflüchtige auf, und so wagte Schumann nicht zurückzukehren. Selbst nach dem Fall der Berliner Mauer, fast dreißig Jahre nach seinem Sprung, fiel es ihm noch schwer zurückzukehren, aus Angst davor, wie die Menschen, die er zurückgelassen hatte, ihn aufnehmen würden.

Seine Angst war nicht unbegründet. Als er nach der Wiedervereinigung tatsächlich nach Sachsen zurückkehrte, war die Heimkehr schmerzlich: Manche seiner Verwandten und viele seiner früheren Polizeikollegen sahen in ihm noch immer einen Verräter, der sie im Stich gelassen hatte, und wollten nichts mit ihm zu tun haben. In einer einzigen Sekunde des Jahres 1961 hatte er sich befreit, und doch entkam er nie ganz dem Gewicht dessen, was ihn dieser Schritt gekostet hatte. „Erst seit dem 9. November 1989“, sagte er nach dem Mauerfall, „fühle ich mich wirklich frei“ – und selbst diese Freiheit brachte ihm keinen Frieden.

Schumann litt in weiten Teilen seines späteren Lebens an Depressionen. Am 20. Juni 1998 nahm er sich im Obstgarten seines Hauses bei Kipfenberg in Oberbayern das Leben. Er wurde 56 Jahre alt – in Erinnerung geblieben nicht nur für die mutigste Sekunde seines Lebens, sondern auch als eines der späten Opfer der Berliner Mauer.

Wo es geschah: Der Ort heute

S-Bahn crossing the border strip near Nordbahnhof at Liesenstraße, 1987
S-Bahn crossing the border strip near Nordbahnhof at Liesenstraße, 1987 © Roehrensee

Die Ecke, an der Schumann sprang, liegt an der Bernauer Straße, heute das Herzstück der Gedenkstätte Berliner Mauer – der wichtigste Ort der Stadt, um zu verstehen, wie die Mauer funktionierte und was sie kostete. Die Freiluftgedenkstätte erstreckt sich über mehr als einen Kilometer entlang des ehemaligen Grenzstreifens, mit einem erhaltenen Mauerabschnitt, einem Wachturm, dem Fenster des Gedenkens und einem Dokumentationszentrum mit Aussichtsturm.

Der Sprung selbst ist ganz in der Nähe markiert: Eine Skulptur und eine große Reproduktion von Leibings Foto stehen nahe dem ursprünglichen Ort an der Ecke Bernauer Straße und Ruppiner Straße, sodass man ungefähr dort stehen kann, wo Schumann stand, und das Bild vor der realen Straße sieht. Die Gedenkstätte ist täglich geöffnet und der Eintritt ist frei; sie ist leicht zu erreichen: mit der U8 bis Bernauer Straße, mit der S-Bahn (S1, S2, S25, S26) bis Nordbahnhof oder mit der Straßenbahn M10, die am gesamten Gelände entlangfährt. Planen Sie ein bis zwei Stunden ein und verbinden Sie den Besuch mit der nahe gelegenen Geisterbahnhof-Ausstellung am Nordbahnhof, um ein vollständigeres Bild der geteilten Stadt zu bekommen.

Eine Flucht unter Tausenden

Schumann war der erste Grenzer, dessen Flucht fotografiert wurde, doch er war bei Weitem nicht der Einzige, der floh. In den Monaten nach dem 13. August 1961, als die Sperre noch unvollständig war, schlüpften Hunderte über den Draht, durchschwammen Kanäle oder kletterten aus den Fenstern der Mietshäuser an der Bernauer Straße, bevor diese zugemauert wurden. Je ausgeklügelter die Mauer wurde, desto ausgeklügelter wurden auch die Fluchten: Tunnel, versteckte Hohlräume in Autos, selbst gebaute Heißluftballons und gefälschte Papiere. Vielen gelang es, viele wurden gefasst; mindestens 140 Menschen starben an der Berliner Mauer.

Die umfassendere Geschichte, wie Ost-Berliner alles riskierten, um in den Westen zu gelangen, erzählt unser Beitrag über die waghalsigen Fluchten über die Berliner Mauer, oder verfolgen Sie die Ereignisse Jahr für Jahr in unserer interaktiven Zeitleiste der Berliner Mauer, in der Schumanns Sprung zu den Augenblicken zählt, die die geteilte Stadt prägten.

Häufig gestellte Fragen

Wer war der Soldat, der über die Berliner Mauer sprang?

Es war Conrad Schumann, ein 19-jähriger ostdeutscher Grenzpolizist. Am 15. August 1961, drei Tage nachdem die Grenze abgeriegelt worden war, sprang er an der Bernauer Straße über den Stacheldraht und floh nach West-Berlin. Den Augenblick hielt der Fotograf Peter Leibing fest.

Wo sprang Conrad Schumann?

An der Ecke Ruppiner Straße und Bernauer Straße, in der heutigen Gedenkstätte Berliner Mauer. Eine Skulptur und eine Reproduktion des berühmten Fotos markieren heute die Stelle.

Wie gelang ihm die Flucht, ohne aufgehalten zu werden?

Schumann signalisierte seinen Plan nur der Westseite, wo die Polizei unauffällig einen Wagen mit offener Tür bereitstellte. Als er zum Sprung ansetzte, lenkten Schaulustige und Fotografen die Aufmerksamkeit der anderen DDR-Grenzer ans andere Ende der Linie. Schumann sprang in dem Augenblick, als ihre Blicke abgewandt waren, und wurde davongefahren, bevor sie reagieren konnten.

Wer machte das Foto vom Sprung?

Peter Leibing, ein 19-jähriger Volontär der Hamburger Agentur Contipress. Er hatte fast eine Stunde gewartet, den Sprung erwartet und Schumann in der Luft festgehalten. Das Bild ist als „Sprung in die Freiheit“ bekannt.

Was geschah später mit Conrad Schumann?

Er ließ sich in Bayern nieder und arbeitete im Audi-Werk in Ingolstadt. Er fühlte sich nie ganz sicher und sagte, er habe sich erst nach dem Mauerfall 1989 wirklich frei gefühlt. An Depressionen leidend, nahm er sich 1998 bei Kipfenberg das Leben, im Alter von 56 Jahren.

Entdecken Sie die Ecke, an der es geschah, und alle anderen Orte der geteilten Stadt auf unserer interaktiven Karte der Berliner Mauer.

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