In einem Stadtteilzentrum mitten in einer West-Berliner Großsiedlung hängen zwei Serien von Fotografien derselben Grenze nebeneinander. Die eine stammt von der Stasi, die den Grenzverlauf fotografierte, weil seine Überwachung ihr Auftrag war. Die andere kommt aus den Schubladen und Alben derer, die in Sichtweite davon wohnten – dort taucht die Mauer, wie die Kuratoren es formulieren, zuweilen nur wie zufällig auf und zuweilen direkt im Fokus.
Die Ausstellung heißt „Die Berliner Mauer am Märkischen Viertel – Stasi-Fotos, Pressefotos und private Erinnerungen“. Eröffnet wurde sie am 19. Mai 2026 im Stadtteilzentrum im Ribbeck-Haus in Reinickendorf, zu sehen ist sie noch bis zum 3. Oktober 2026. Der Eintritt ist frei.
Das Märkische Viertel steht auf keiner Touristenkarte der Mauer, und genau das ist der Grund, darüber zu schreiben. Es ist eine große moderne Wohnsiedlung in Reinickendorf, im vormals französischen Sektor West-Berlins, errichtet zwischen 1963 und dem Frühjahr 1974 – also geplant unmittelbar nach der Schließung der Grenze und fertiggestellt, während diese noch stand. Rund 17.000 Wohnungen entstanden für bis zu 50.000 Menschen, auf Flächen, auf denen zuvor Ackerland, Einfamilienhäuser und ein Lauben- und Notwohnquartier lagen, in dem seit dem Krieg über 12.000 Menschen lebten, teils unter unzureichenden hygienischen Verhältnissen.
Die Mauer verlief entlang der südlichen und östlichen Kante der Siedlung, dort, wo Reinickendorf an Pankow auf der Ost-Berliner Seite grenzte. Aus den oberen Geschossen der Hochhäuser blickten die Bewohnerinnen und Bewohner in den Todesstreifen und weit nach Ost-Berlin hinein. Der Berliner Beauftragte zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, dessen Programm die Ausstellung eröffnete, hält fest, dass vom Märkischen Viertel mehrfach Proteste ausgingen, bei denen Grenzanlagen zum Teil zerstört wurden.
Der Ruf der Siedlung selbst schlug ebenso heftig um. Zuerst wurde sie als „gebaute Demokratie“ gefeiert, dann galt sie als Inbegriff West-Berliner sozialer Probleme und „inhumaner“ Nachkriegsarchitektur – unter anderem Gegenstand des DDR-Fernsehfilms „Mord im Märkischen Viertel“ von 1973, der sie als Kulisse für Propaganda über die Armut im Westen nutzte.
Ein Detail aus dem Erzähl-Spaziergang der Historikerin lohnt sich zu merken, denn es schärft die Frage, die die Ausstellung stellt. Am Dannenwalder Weg trennte die Mauer keine gewachsene Nachbarschaft: auf der einen Seite Neubauten, auf der anderen Industrie, Kleingärten und Friedhöfe. Die Nähe war vollständig, die menschliche Verbindung darüber hinweg dünn. Welches Bild hatte man hier von den Menschen dort drüben, und ab wann setzte Gewohnheit ein?
Die private Hälfte der Schau stammt aus einem Kiezprojekt. „Kiezreporter“ Lux, einer der Viertelreporter – Anwohnende, die im Rahmen des Städtebauförderprogramms „Sozialer Zusammenhalt“ von Bund und Land über ihren eigenen Kiez berichten -, sammelt und bearbeitet seit Jahren private Erinnerungsfotos aus dem Märkischen Viertel. Immer wieder ist darin auch die Mauer im Bild, mal beiläufig, mal als eigentliches Motiv.
Dem gegenüber steht die fotografische Dokumentation des Grenzverlaufs durch die Stasi, darunter bislang wenig bekannte Aufnahmen, dazu Pressebilder aus der Zeit. Kuratiert hat die Ausstellung die Historikerin Elena Demke gemeinsam mit Lux, Gastgeber ist das Bezirksamt Reinickendorf.
„Die Berliner Mauer war für viele Menschen im Märkischen Viertel nicht nur Geschichte, sondern Teil ihres Alltags“, sagte Bezirksstadtrat für Kultur Harald Muschner zur Eröffnung. „Umso wichtiger ist es, dass diese Erinnerungen nicht verloren gehen.“
Alles Übrige aus dem Programm ist bereits gelaufen: die architekturgeschichtlichen Spaziergänge mit Christiane Borgelt, die Erzähl-Spaziergänge entlang des ehemaligen Grenzstreifens mit Demke und der Filmabend im Mai. Geblieben ist die Ausstellung.
STZ im Ribbeck-Haus, Senftenberger Ring 54, 13435 Berlin, Eintritt frei. Das Zentrum gibt seine Öffnungszeiten mit Mo/Mi/Fr 9:00 bis 16:00 Uhr und Di/Do 10:00 bis 18:00 Uhr an. Eigene Ausstellungszeiten wurden nicht veröffentlicht, es gelten also diese.
Zwei praktische Hinweise. Der Schlusstag, der 3. Oktober 2026, ist ein Samstag und ein Feiertag, und das Zentrum veröffentlicht nur Zeiten von Montag bis Freitag – wer den Besuch also auf das Ende der Laufzeit legt, sollte Freitag, den 2. Oktober als letzten verlässlichen Tag ansetzen und vorher unter 030 47 064 920 anrufen. Und die Siedlung hat keinen eigenen Bahnhof: nächster Halt ist Wittenau (U8, S1, S85), von dort fährt der Bus 122 weiter ins Viertel.
Die Ausstellung hängt rund 1,4 Kilometer von der Linie entfernt, der die Mauer tatsächlich folgte. Wer, schon einmal so weit im Norden, das Bauwerk selbst sehen möchte: das nächstgelegene erhaltene Stück an derselben Grenze zwischen Reinickendorf und Pankow ist der Mauerrest Schönholz, ein 80 Meter langer Abschnitt aus der Frühzeit, dreißig Jahre lang vergessen und erst 2018 unter Denkmalschutz gestellt.
Es ist eine kleine Schau in einem Nachbarschaftszentrum, kein Museum, und den Umweg wert aus einem Grund: Fast alles, was von der Mauer bewahrt wurde, wurde in der Innenstadt bewahrt, an der Bernauer Straße und entlang der Touristenachse. Hier sieht man, wie die Grenze aus einem ganz gewöhnlichen Küchenfenster an ihrem Rand aussah.
Veranstaltungsdetails zuletzt geprüft am 19. Aug. 2026