Vierzehn Fotografien der Bernauer Straße hängen auf Augenhöhe, und neben jeder sitzt ein Code, den man mit den Fingern findet. Wer ihn mit dem Handy scannt, hört eine Stimme, die das Bild beschreibt: was im Bildausschnitt zu sehen ist, wo die Mauer verläuft, was die Menschen darauf tun. Die Ausstellung heißt „Sprechende Bilder“, und es gibt sie, damit auch Menschen, die diese Fotografien nicht sehen können, sie lesen können.
Es ist eine Wanderausstellung der Stiftung Berliner Mauer, und ihr vollständiger Titel nennt die Straße, um die es geht: „Sprechende Bilder. Die Bernauer Straße 1961 bis 1989“. Die vierzehn weitgehend unbekannten Aufnahmen sind vier Themen zugeordnet: dem Alltag an der Mauer, dem Ausbau der Grenzanlagen, den Grenzsoldaten und dem Tourismus an der Mauer. Am Ende steht eine einzelne Fotografie vom Fall der Mauer.
Jede Station ist ein weißes Holzmodul, 1,80 Meter hoch und 60 Zentimeter breit, die Fotografie matt auf 40 mal 60 Zentimeter abgezogen und mittig auf 1,50 Meter gehängt. Die Konsole darunter bietet von links nach rechts drei Dinge: einen QR-Code, der auf einem Sockel zu ertasten ist, Informationsblätter in Groß- und Brailleschrift sowie außen rechts eine Einbuchtung zur Ablage des Langstocks. Die Audiodeskription wird mit dem eigenen Smartphone abgerufen, eigene Kopfhörer werden empfohlen. Das Auffinden des Codes ist der Teil, den das Mobiliar lösen muss, denn das Scannen selbst wird über den Ton geführt: Das Handy meldet einen Code, sobald die Kamera ihn erfasst, und Scanner-Apps für blinde Nutzerinnen und Nutzer geben einen Ton aus, der die Linse heranführt.
Entwickelt wurde die Ausstellung gemeinsam mit blinden und sehbehinderten Menschen, nicht bloß für sie; kuratiert haben sie Katrin Passens und Manfred Wichmann. Die Stiftung weist auf einen Punkt hin, den man leicht übersieht: Die Audiodeskriptionen sind nicht nur für Besucherinnen und Besucher gedacht, die nichts sehen. Auch Sehenden eröffnen sie einen anderen Zugang zu teils bekannten Motiven, weil eine gesprochene Beschreibung darauf besteht, was tatsächlich im Bild ist, und nicht darauf, woran man sich zu erinnern glaubt.
Derzeit nicht in Berlin. Die Ausstellung ist bis zum 13. September 2026 in der Landesgeschäftsstelle des Blinden- und Sehbehindertenvereins Westfalen in Dortmund zu sehen, Märkische Straße 61-63, geöffnet montags bis donnerstags von 9 bis 16 Uhr.
Zuvor war sie an vielen Orten zu Gast, unter anderem in der Gedenkstätte Berliner Mauer selbst, an der TU Dresden, in der Gedenk- und Bildungsstätte Andreasstraße in Erfurt, in der Gedenkstätte Hohenschönhausen und an der Universität Köln. Eine erweiterte Fassung in Hohenschönhausen ergänzte zwei Fotografien zur Stasi-Untersuchungshaft und lief unter dem weiteren Titel „Fotografien zur Teilung Berlins und politischen Haft in der DDR“. Über eine Rückkehr nach Berlin ist nichts bekannt.
Es gibt außerdem eine kostenlose Online-Ausgabe unter sprechende-bilder.stiftung-berliner-mauer.de. Sie enthält dieselben Fotografien und Audiodeskriptionen, eine Textfassung der Tafeln für Screenreader und den Ausstellungstitel in Brailleschrift am Kopf der Seite.
Wer dort stehen möchte, wo die Fotografien entstanden sind: Die Straße ist die Gedenkstätte. Auf der Bernauer Straße ist der erhaltene Abschnitt des Grenzstreifens der eine Ort, an dem die volle Tiefe der Grenzanlagen noch im Gelände ablesbar ist.