Dass West-Berlin eine Insel war, weiss jeder. Dass es ein ganzer Archipel war, kaum jemand. Rund um die Stadt lagen über ein Dutzend abgetrennte Stücke West-Berliner Gebiet verstreut, einige davon Wiesen, eines ein Dorf mit Familien darin, jedes vollständig von der DDR umschlossen. Sie sind das Merkwürdigste, was die Teilung hervorgebracht hat, und die meisten sind heute so vollständig in der Landschaft aufgegangen, dass man in einer von ihnen stehen kann, ohne es zu merken.
Die Zahl war selbst eine politische Frage. West-Berlin zählte elf Exklaven. Ostdeutsche und sowjetische Karten erkannten sechs oder sieben an. West-Berlin bestand darauf, dass ein zwölftes Gebiet, der Eiskeller, überhaupt keine Exklave sei, weil ein Landstreifen es mit dem übrigen Spandau verband, und weil das Gegenteil der DDR ein Argument über den Zugang in die Hand gegeben hätte.
Dabei lohnt es sich zu verweilen, denn es sagt einem, wozu diese Orte da waren. Ein Stück saisonal gepflügtes Feld namens Wüste Mark, zweiundzwanzig Hektar Nichts im Besonderen, war beiden Seiten außerordentlich wichtig. Nicht wegen der Landwirtschaft. Wegen dessen, was seine Anerkennung bedeutet hätte.
Die Exklaven gab es wegen einer Verwaltungsentscheidung, die lange vor jedem Gedanken an eine Mauer getroffen wurde. Als 1920 Groß-Berlin gebildet wurde, verschluckte es einen Kranz selbständiger Gemeinden, und die neue Stadtgrenze wurde um Grundstücke gezogen, die diesen Gemeinden gehörten, nicht um irgendetwas, das man vor Ort hätte sehen können. 1945 folgten die Besatzungssektoren der Grenze von 1920. Fünfundzwanzig Jahre Aktenlage wurden über Nacht zu einem Problem des Kalten Krieges.
Steinstücken war die einzige Exklave, in der dauerhaft jemand lebte. Zwölfeinhalb Hektar im amerikanischen Sektor, ein paar hundert Einwohner, gut einen Kilometer jenseits des übrigen West-Berlin, erreichbar nur über einen Weg durch DDR-Gebiet. Bis 1971 passierten die Bewohner ostdeutsche Grenzkontrollen, um nach Hause zu kommen. Ihre Post, ihre Einkäufe, der Schulweg ihrer Kinder, alles lief über einen Kontrollpunkt.
Ein paar Wochen lang bestand die Grenze hier nach dem August 1961 nur aus spanischen Reitern, den transportablen Stacheldrahtböcken, und Steinstücken wurde zu einem Ort, an den Menschen zum Hinüberkommen kamen. Mehr als zwanzig DDR-Grenzsoldaten gingen an dieser Stelle hinüber. Die Antwort der DDR war, der Exklave eine eigene Mauer zu bauen, und die Lücke schloss sich.

Berühmt wurde Steinstücken durch die amerikanische Reaktion. General Lucius D. Clay flog am 21. September 1961 per Hubschrauber ein, und ein ständiger US-Militärposten folgte. Die Soldaten wurden auf dem Luftweg ausgetauscht, eigens dafür wurde ein Landeplatz gebaut, und wer in die Exklave geflüchtet war, wurde über die DDR hinweg ausgeflogen statt durch einen Kontrollpunkt zurückgeschickt. Zehn Jahre lang hielt eine Handvoll amerikanischer Soldaten ein dorfgroßes Stück West-Berlin, das praktisch nur aus der Luft erreichbar war. Ein Denkmal für diese Flüge steht heute in Steinstücken.
Die Anomalie endete mit Aktenarbeit, wie sie begonnen hatte. Im Rahmen des Viermächteabkommens von 1971 übergab die DDR einen etwa einen Kilometer langen und zwanzig Meter breiten Streifen, darauf wurde eine zweispurige Straße gebaut, die Bernhard-Beyer-Straße, und Steinstücken war keine Exklave mehr. Die Buslinie 18 wurde 1972 bis in das Dorf verlängert. Ihre Nachfolgerin, die 118, fährt heute noch dorthin.
Der Eiskeller liegt am nordwestlichen Rand Spandaus und ist nach seinem Mikroklima benannt, einer Frostmulde, in der es mehrere Grad kälter ist als im übrigen Berlin. Drei Gehöfte, erreichbar über einen achthundert Meter langen und vier Meter breiten Korridor mit Mauern zu beiden Seiten.
Ende August 1961 kam ein zwölfjähriger Junge namens Erwin Schabe, der mit seiner Mutter auf dem Hof Große Kuhlake lebte, nach Hause und berichtete, ostdeutsche Grenzpolizisten hätten ihn auf dem Schulweg angehalten und stundenlang festgehalten. Spandau lag im britischen Sektor, und die britische Reaktion war so unmittelbar und so unverhältnismäßig, wie sie den Kalten Krieg lesbar machte: In den folgenden Tagen begleiteten sie den Jungen mit einem Ferret-Panzerspähwagen durch den Korridor. Die Fotos eines Kindes, das hinter einem Panzerfahrzeug zur Schule radelt, gingen um die Welt.

Deutsche Darstellungen berichten, Schabe habe später zugegeben, sich das Ganze ausgedacht zu haben, weil er schlicht keine Lust auf Schule hatte. Es wird vielfach wiederholt und ist durchaus plausibel, aber keine Quelle benennt das Interview, aus dem es stammen soll. Man sollte es also als die Geschichte über die Geschichte behandeln, nicht als gesicherte Tatsache. So oder so hat das Foto seine Wirkung getan, und es bleibt eines der schärfsten Bilder dafür, wie absurd die Geographie geworden war.
Der Eiskeller entscheidet zugleich einen Definitionsstreit. Wegen dieses Korridors hielt West-Berlin daran fest, dass er gar keine Exklave sei. Es ist einer der wenigen Orte, an denen man auf eine Karte zeigen und zwei Regierungen dabei zusehen kann, wie sie sich über die Bedeutung eines Wortes uneinig sind.
Die DDR hatte ihre eigene Insel. Klein Glienicke, ein Dorf auf der Potsdamer Seite, war auf drei Seiten von West-Berlin umgeben und mit der DDR nur über eine einzige Brücke verbunden, die Parkbrücke, die ständig überwacht wurde. Wer dort wohnen wollte, brauchte eine Genehmigung.

Die Bewohner nannten es den Blinddarm, und der Vergleich trifft genau: eine Sackgasse, für die der Körper keine Verwendung hat und die er nicht ohne Weiteres loswird. Der Berliner Mauerweg quert an der Parkbrücke, man kann also heute dort hineinspazieren, wie es achtundzwanzig Jahre lang fast niemand konnte.
Sie wurden in zwei Runden weggetauscht. 1971 und 1972 trat West-Berlin neben dem Steinstücken-Korridor den Böttcherberg, Finkenkrug, die Große Kuhlake und die Nuthewiesen ab. Die letzten gingen 1988: Falkenhagener Wiese, Laßzinswiesen und Wüste Mark, die zweiundzwanzig Hektar Acker, ein Jahr vor der Maueröffnung an Stahnsdorf übergeben, kurz bevor die ganze Frage aufhörte, eine zu sein.
Alle drei Orte aus diesem Beitrag liegen auf unserer interaktiven Karte. Steinstücken lohnt den Besuch am meisten: ein gewöhnliches Vorortdorf an der Südspitze Berlins, das zufällig ein Denkmal für einen Hubschrauberdienst hat. Klein Glienicke liegt am Mauerweg und kostet nur einen Umweg, passt also gut zu einer Radtour auf dem Mauerweg. Der Eiskeller ist ein Waldspaziergang zu drei Höfen, und der Korridor ist noch lesbar, wenn man weiss, dass er da ist.
Wie die Grenze um solche Orte herum gebaut wurde, steht in unserer vollständigen Geschichte der Berliner Mauer.
Wie viele Exklaven hatte West-Berlin?
Zwischen sechs und zwölf, je nachdem, wer zählte. West-Berlin sagte elf, dazu den Eiskeller, der nach eigener Auffassung nicht dazugehörte; ostdeutsche und sowjetische Karten erkannten teils nur sechs an.
Hat dort tatsächlich jemand gewohnt?
Nur in Steinstücken, mit ein paar hundert Einwohnern. Die übrigen waren Felder, Wälder und Wiesen, wobei die drei Gehöfte im Eiskeller ein Grenzfall sind.
Gibt es noch welche?
Nein. Die letzten wurden 1988 getauscht. Steinstücken ist über die Bernhard-Beyer-Straße mit dem übrigen Berlin verbunden und ein gewöhnlicher Teil von Wannsee.
Warum gab es sie überhaupt?
Die Bildung Groß-Berlins 1920 zog die Stadtgrenze um Land, das den eingemeindeten Gemeinden gehörte, und liess so abgetrennte Parzellen zurück. 1945 folgten die Besatzungssektoren dieser Grenze.
Kann man sie besuchen?
Ja, alle drei frei. Steinstücken und Klein Glienicke sind gewöhnliche Wohnstraßen; der Eiskeller ist offene Landschaft am Berliner Mauerweg.