Im Januar 1962 begann eine Gruppe von Studenten unter der Führung der Brüder Boris und Eduard Franzke, einen Tunnel unter dem S-Bahnhof Wollankstraße zur Schulzestraße in Ost-Berlin zu graben. Nach drei Wochen und rund 30 Metern Grabung brach der Tunnel am 26. Januar 1962 unter dem Bahnsteig ein und verriet den Fluchtversuch, bevor ihn jemand nutzen konnte. DDR-Verkehrsminister Erwin Kramer hielt am Bahnhof eine Pressekonferenz ab und stellte den Tunnel als „Agentenschleuse“ dar. Der Bahnhof selbst war einzigartig: Er lag in Ost-Berlin, war aber für West-Berliner ohne Grenzkontrolle zugänglich.
Der S-Bahnhof Wollankstraße nahm auf der Karte des Kalten Krieges in Berlin eine einzigartige Stellung ein. Obwohl der Bahnhof selbst im Ost-Berliner Bezirk Pankow lag, konnten West-Berliner ihn ohne Grenzkontrollen betreten und verlassen – eine Besonderheit, die das Gebiet zu einem Brennpunkt für Fluchtpläne machte.
Der entdeckte Fluchttunnel unter dem S-Bahnhof Wollankstraße, 1962 (Foto: Bundesarchiv)
Die DDR nutzte die Entdeckung für Propagandazwecke. Verkehrsminister Erwin Kramer hielt am Bahnhof eine Pressekonferenz ab, präsentierte den Tunnel den Journalisten und brandmarkte ihn als „Agentenschleuse“, errichtet von westlichen Provokateuren. Die dramatischen Fotografien jener Pressekonferenz, die heute im Bundesarchiv aufbewahrt werden, gehören zu den eindringlichsten Bildern gescheiterter Fluchtversuche aus der Zeit der Mauer.
Obwohl niemand durch diesen Tunnel floh, zeigt der Versuch den verzweifelten Einfallsreichtum und Mut derjenigen, die in den frühesten Monaten versuchten, die Mauer zu durchbrechen.
DDR-Pressekonferenz am S-Bahnhof Wollankstraße zur Präsentation des entdeckten Tunnels, 1962 (Foto: Peter Heinz Junge / Bundesarchiv)